40+2 ♡ (Geburtsbericht Teil 1)

Es war eine verschneite Winternacht…

Eine Geschichte, die so beginnt, kann gar nicht schlecht sein, oder? Ohne viel vorweg nehmen zu wollen: es ist eine wunderbare Geschichte – die Geburt des kleinen Mannes.

Heute bist du genauso lange auf der Welt wie du in meinem Bauch warst. Und auch, wenn dein Weg zu uns ganz anders als erhofft und gewünscht war, war es doch ein unvergesslicher Moment, der sich tief in mein Herz gebrannt hat. Niemals mehr werde ich vergessen, wie ich dich zum ersten Mal sah.

Du hast mich zur Mama gemacht. Und nun möchte ich davon erzählen.

Ich muss aber ein bisschen ausholen, denn eigentlich ging es schon ein bisschen eher los.

Ich war die gesamte Schwangerschaft davon überzeugt, dass sich unser Baby nicht vor dem Termin Weg machen würde. Ich würde Wehen bekommen und unser Kind nachts zur Welt bringen. Ich war mir über diesen Ablauf so sicher, dass ich darauf verzichtete das Bett wasserfest zu machen.

 

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Seit einiger Zeit fühle ich immer wieder ein Ziehen im Unterleib als würde sich die Periode ankündigen. Mir fällt auf, dass das meist mit der Bewegung des Babys zusammenhängt. Ohne es weiter beschreiben zu können, macht sich immer mehr das Gefühl breit, dass sich unser Baby bald auf den Weg macht. Es fühlt sich anders an und arbeitet in mir.

Die Vorsorge bei meinem Gynäkologen bestätigt dies. Der Po des Babys sitzt tief im Becken, der Gebärmutterhals hat sich verkürzt und es ist eine Trichterbildung zu sehen. Alle Zeichen stehen auf Geburt. Es kann noch dauern, aber es könnte auch jederzeit losgehen.

Nach der Untersuchung fühlt sich mein Bauch an als hätte ich einen Gürtel um meinen Oberbauch gelegt. Mir fällt das Atmen schwer und es zieht im Unterleib. Ich mache mir wieder Sorgen. Mein Gynäkologe sprach nämlich auch von wenig Fruchtwasser und setzt mir eine Deadline bis wann das Baby kommen solle. Das macht mich unheimlich traurig. Ich wünschte mir nichts mehr als dass mein Baby sich seinen Geburtstag selbst aussuchen darf, nachdem mir der Traum von einer Geburt in ruhigen Atmosphäre in der Badewanne des Geburtshauses aufgrund der Beckenendlage verwehrt bleiben soll. Ich weine. Ich möchte doch Geburtswehen fühlen dürfen. Ich brauche das! Und ich wünsche es mir für mein Baby, damit es nicht ohne Vorwarnung aus mir herausgerissen wird.

 

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Ich telefoniere mit meiner Hebamme.  Ich weine mich ein bisschen aus, erzähle, dass ich seit Tagen furchtbar schlecht schlafe und sehr emotional bin. Sie kann mir meine Sorgen ein bisschen nehmen und das Gedankenkarussell etwas bremsen. Sie sagt, dass meine Beschreibung sehr gut zum Befund passe. Es sei die richtige Zeit und ich müsse ja auch irgendwann loslassen wollen.

Sie rät mir, mich viel zu bewegen, einen lustigen Film anzusehen (Oxytocin!) und einen netten Abend mit dem Freund zu verbringen, all das würde den Anstoß geben, wenn unser Baby bereit sei auf die Welt zu kommen.

Ich verbringe den Tag damit, die letzten Vorbereitungen zu treffen, trage den Sperrmüll an die Straße und gehe einkaufen. Insgeheim hoffe ich darauf, das Mäuschen so aus seinem Versteck locken zu können.
Mittags höre ich mir den Geburtssoundtrack an. Ich heule Rotz und Wasser, weil die Schwangerschaft bald ein Ende hat, während ich das Baby in meinem Bauch wiege. Ein letzter Tanz, bevor wir uns vielleicht schon ganz bald kennenlernen und ein neues Band knüpfen werden. All meine Gefühle brechen aus mir heraus, quellen aus jeder Pore meines Körpers. Ich bin so glücklich und dankbar. Ich bekomme ein Baby! Viele der Lieder habe ich über die Schwangerschaft hinweg gehört und gesungen, jetzt tragen sie mich durch diese Erinnerungen.

Meine Emotionen gehen mit mir durch. Ich bin bereit. Ich möchte mein Baby haben.

Es ist 17 Uhr als ich zum ersten Mal ein Ziehen spüre, ohne dass sich das Baby bewegt hätte. Ich sitze an den Tisch in der Küche gelehnt, das Essen auf dem Herd und grinse. Vielleicht geht es jetzt bald los. Ich freue mich auf den Freund. Ich möchte Abschied von der Zweisamkeit nehmen, die Zeit noch einmal richtig auskosten.

Wir haben es uns schon auf dem Sofa gemütlich gemacht als mein Handy klingelt. Ohne zu wissen, wer anruft, weiß ich, dass mich keine guten Neuigkeiten erwarten. Manchmal verfluche ich mein Gefühl. Mein Opa liegt im Sterben. Wieder übermannen mich meine Gefühle. Wieder bin ich voller Wut und Trauer. Diese Gefühle dominierten die letzten Wochen. Ich bin so wütend auf das Leben.

Wir verbringen trotz der Nachricht einen schönen Abend miteinander und sehen uns „Monsieur Claude und seine Töchter“ an. Gegen 23 Uhr gehe ich auf die Toilette und bin ein bisschen überrumpelt. Ich hatte schon seit Weihnachten immer wieder etwas Schleim verloren und seitdem, trotz innerer Überzeugung, gebibbert und gehofft, dass wir es bis Januar schaffen würden. Dachte ich, das könnte der Schleimpropf gewesen sein, wurde ich gerade eines Besseren belehrt. SO sieht also ein Schleimpropf aus.

 

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Um 1 Uhr werde ich wach. Der Bauch drückt sehr unangenehm. Es sind wieder diese periodenartigen Schmerzen, aber das kenn ich ja schon. Ich bin furchtbar unruhig, was auch am Sturm liegen könnte, der draußen wütet. Meine Gedanken sind bei meinem Opa. Um 3 Uhr schlafe ich wieder ein, es ist ein ruhiger Schlaf. Morgens erfahre ich, dass ich in Gedanken bei ihm war, als mein Opa starb.

Um 9 Uhr bin ich in der Praxis meines Gynäkologen. Das CTG zeichnet Wehen auf, sobald sich das Baby bewegt. Sie sind nicht schmerzhaft, aber unruhiger als noch vor ein paar Tagen. Ich fühle mich ausgelaugt. Seit Tagen liege ich nachts stundenlang wach und finde auch tagsüber nicht zur Ruhe. Die Gynäkologin, die meinen Arzt vertritt, rät mir, auf meinen Körper zu hören und um den Kaiserschnitt zu bitten.

Einen kurzen Moment denke ich darüber nach, verwerfe den Gedanken aber sofort wieder. Nein, so will ich das nicht. Es fühlt sich nach abkürzen an. So schön ich das Datum auch fände, es wäre nicht die Entscheidung unseres Babys gewesen.

Das Ziehen kommt über den Tag nun öfter, aber ich weiß ja, dass das nichts heißen muss. Viele Frauen haben über Wochen regelmäßig Wehen, die nach Stunden einfach wieder weg sind. Ich spreche mit dem Freund und wir sind uns einig, dass wir uns ans Protokoll halten wollen. Ich will, nein, ich brauche diese abgespeckte Version von Geburtserlebnis.

Um 19 Uhr wird das Ziehen regelmäßig. Alle 20 Minuten macht sich ein Periodenschmerz breit, der 30 Sekunden anhält. Das ist unangenehm, aber ich stelle mich sicherlich auch an, ich kenne das ja schon von der Periode. Eins ist aber sicher, ein Spaß wird das mit den Wehen nicht.

Gegen 21:30 Uhr finde ich rosanen Schleim am Toilettenpapier. Eine Zeichnungsblutung! Ich bin sofort hellwach und aufgeregt. Es tut sich also wirklich etwas am Muttermund. Das ist so spannend! Für eine Geburt heute würde es wohl nicht mehr reichen.

 

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Es ist 1 Uhr und wieder einmal bin ich wach. Auf der Toilette verliere ich blutigen Schleim. Viel Schleim. Wo kommt das denn alles her?! Ab 2 Uhr wird das Ziehen zu Krämpfen. Ich kann mich schwer konzentrieren, möchte tief in den Bauch atmen, aber das fällt mir unheimlich schwer, weil sich alles so fest anfühlt. Ich verfluche mich ein bisschen, das Atmen nicht richtig geübt zu haben. Vor lauter Beckenendlage und Kaiserschnitt habe ich irgendwie vergessen, dass ich ja trotzdem Wehen haben werde. Ich massiere den Bauch und hoffe, dass er sich durch die Wärme ein bisschen entspannt.

Das Baby drückt unter meine Rippen und nimmt mir die Luft zum Atmen. Das ist unangenehmer als die Wehen. Bei jeder Wehe fühlt es sich an als würde mein Bauch innen größer werden, nur der untere Teil bleibt eng. Dieses Gefühl kommt in unregelmäßigen Abständen von 20 bis 2 Minuten und hält 30 bis 60 Sekunden lang an.

Gegen 3 Uhr schleiche ich mich aus dem Bett und mache es mir auf dem Sofa gemütlich. Ich esse Kekse gegen die aufsteigende Übelkeit. Ich drappiere die Decke unter meinem Bauch und schaffe es eine einigermaßen bequeme Position zu finden. Ich bin so unglaublich müde. Ich starte die Wehenapp und lese nebenher Geburtsberichte, um herauszufinden, ob das, was ich spüre echte Wehen oder nur ekeliges Vorgeplänkel sind. Es fühlt sich so sehr nach Periode an, dass ich ständig mit einem Schwall Blut rechne. Um 4 Uhr ist der Spuk vorbei, keine Wehen mehr,ich schaffe es endlich einzuschlafen.

Ich möchte nicht zu früh ins Krankenhaus fahren, aus Angst gleich da behalten zu werden, wenn ich schon mal da bin, auch wenn es noch keine geburtswirksamen Wehen sind, ich möchte aber auch nicht zu spät dort ankommen, damit die Vorbereitungen für den Kaiserschnitt ganz entspannt durchgeführt werden können. Monkisch wie ich bin, hoffe ich, dass es ruhig bleibt. Ich hätte so gerne ein ungerades Geburtsdatum. Ja, es ist interessant worüber man sich so Gedanken machen kann.

Der Freund weckt mich um 8 Uhr. Ich fühle mich wie ausgespuckt. Ich bin erschöpft. Nach dem Frühstück versuche ich noch ein bisschen Kraft zu schöpfen, aber der Kopf gibt keine Ruhe. Ich bin überzeugt, dass wir die Deadline nicht mehr erreichen werden.

Eigentlich wollten wir heute einen schönen Tag miteinander verbringen. Wir hatten geplant noch ein bisschen bummeln und etwas essen zu gehen und danach noch ein letztes Mal ins Kino, bevor wir Eltern werden. Dazu fühle ich mich nicht in der Lage, stattdessen liege ich im Bett und versuche zu schlafen. Mein Körper weiß nicht, dass ich einen Kaiserschnitt bekomme, vielleicht geht es ja los, wenn ich etwas Kraft tanken konnte.

Gegen 14 Uhr gelingt mir das endlich. Als ich 3 Stunden später aus dem Bett steige, fühle ich mich annähernd erholt. Jede Drehung des Babys löst das altbekannte krampfartige Ziehen aus. Mittlerweile fühlt es sich deutlich fieser an als dieses leichte Gefühl, wenn sich die Periode ankündigt. Es fühlt sich viel mehr nach richtigen Periodenschmerzen an. Ich verliere weiterhin unfassbar viel mit Blut durchzogenen Schleim. Mein Körper scheint das mit dem Schleimpropf sehr ernst zu nehmen. Die Unsicherheit hat mich fest im Griff, es fühlt sich alles so sehr nach Periode an und die Abstände sind sehr unregelmäßig. Ich weiß doch gar nicht wie sich richtige Wehen anfühlen und wo sie weh tun. Ich warte auf das Ziehen im Bauch und im Rücken, das mir sagt, dass es richtig losgeht. „Das merkst du dann“, schreibt eine Freundin. Sie schreibt aber auch, dass es bei ihr genauso war und sie es sich ganz anders vorgestellt hatte.

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