Von selbstbestimmt zu fremdbestimmt

Es sind nun einige Tage vergangen und ich hatte Zeit mich ein bisschen mit dem Gedanken an einen Kaiserschnitt zu gewöhnen.
Ich bin nach wie vor alles andere als glücklich damit und wünsche mir wirklich sehnlichst, dass sich das Baby noch wie durch ein Wunder dreht.
Das wäre der einfachste Weg.

Denn wenn ich ehrlich bin, würde ich auch gerne mit Beckenendlage spontan entbinden wollen, aber ein bisschen mulmig ist mir da schon auch. Es ist nun mal kein Standardfall und da Ärzte gerne mit Zahlen und Risiken um sich werfen, ist mir natürlich auch bewusst, dass das Risiko für Komplikationen höher liegt bzw. die Komplikationen aus dieser Konstellation einfach noch mal subotpimaler sind. Es kann immer etwas schief gehen. Immer. Aber geht der Kopf bei Schädellage nicht durchs Becken, dann ist es so. Bei Beckenendlage ist der schlimmste Fall, dass das Baby halb geboren festhängt.

Es ist ein Für und Wider. Jede Klinik hat andere Voraussetzungen und Vorgaben. Meine besteht eben auf dieses MRT. Ob das sinnvoll ist oder nicht sei dahingestellt. Ob es wirklich etwas aussagt oder nicht auch.

Ich habe mir schon lange bevor ich schwanger wurde ausgemalt wie es wohl wäre in einem Geburtshaus zu gebären. In intimer Atmosphäre ohne Geräte und unnötiges Personal und ich habe mich in diese Vorstellung verliebt. Vielleicht so sehr, dass ich selbst meine Hebammenwahl ein bisschen übers Knie gebrochen habe, um hier die Möglichkeit zu bekommen. Das würde ich bei einem zweiten Kind definitiv anders machen. Denn gerade jetzt habe ich gemerkt, dass mir das Reden über die Situation sehr hilft. Dass ich dankbar dafür bin ehrlich meine Gedanken aussprechen zu dürfen ohne verurteilt zu werden und sogar Rückmeldung zu bekommen, die mich darin bestärkt, dass das was ich fühle nicht schön und vielleicht auch unfair und hart ist, aber es ok ist und viele Frauen schon so empfunden haben, wenn auch in anderen Situationen. Ich bin wirklich sehr dankbar für die Unterstützung, die ich die letzten Tage erfahren durfte und den Austausch. Meine Hebamme war jedoch kein Teil davon. Es ist vielleicht schon bezeichnend, dass ich erst gar nicht auf die Idee kam sie zu kontaktieren. Und als ich es versuchte nicht einmal gefragt wurde, wie es mir damit geht, sondern mit einem „Wir reden beim nächsten Mal, wenn wir uns sehen drüber“ abfrühstückt wurde.

In Anbetracht dessen ist es vielleicht sogar gut, dass ich nicht außerklinisch gebären darf. Denn so ist das Setting in jedem Fall anders und ich wäre möglicherweise erst unter der Geburt auf den Trichter gekommen wie wenig es doch zwischen uns zu passen scheint. Meine Hebamme ist nett, keine Frage. Aber sich zu verstehen, wenn alles rund läuft ist ja auch nicht so schwer.

Ich arbeite also daran zu akzeptieren, dass unser Baby auf die Welt geholt wird. Aus meiner selbstbestimmten Geburt wird also eine voll und ganz fremdbestimmte Geburt. OK, vielleicht nicht ganz, denn wir warten die Wehen ab. Erst wenn Baby den Startschuss gibt, wird alles Weitere in die Wege geleitet.
Es ist wie es ist. Und ich werde mich damit abfinden müssen. Aber es macht mir auch Angst. Ich habe ehrlich Angst vor der OP und den Schmerzen danach. Mehr als vor den Schmerzen der Geburt (die kenne ich ja auch nicht). Ich wünsche mir mein Kind aus eigener Kraft auf die Welt bringen zu dürfen, nun werde ich nur ein passiver Teil des Ganzen sein. Ich habe Angst vor Komplikationen, die auch hier auftreten können.
Ich habe nach der Nachricht der Klinik wirklich sehr gewütet und getobt. Ich war so furchtbar enttäuscht. Ich bin es immer noch und so traurig. Aber all das ändert nichts an der Situation.

Ich weiß, dass es Frauen gibt, die sich im Nachhinein wünschen nicht spontan entbunden zu haben. Frauen, die sich bewusst für einen Kaiserschnitt entscheiden. Jede Frau hat ihre Beweggründe und Gefühle und diese sollten jeder Frau zugestanden werden. Mein Gefühl ist es gerade, dass man mich der Geburt meines Kindes beraubt (unabhängig davon, ob das sinnvoll ist oder nicht!). Ich will mein Kind nicht gefährden. Aber wer mir mit „Hauptsache gesund!“ kommt, hat nichts verstanden. Denn gesund meint nicht nur den körperlichen Zustand.
Und ich habe Angst vor der Zeit danach. Dass es etwas mit mir macht, das ich nicht möchte. Dass ich vielleicht mein Kind nicht annehmen kann, dass ich mich mit dem Kaiserschnitt nicht arrangieren kann und ich die Traurigkeit darüber wie ein dunkles Tuch über unserem Wochenbett liegt.

Ich freue mich so unendlich auf diesen kleinen Menschen. Es wäre das Schlimmste für mich, wenn unser Baby da wäre und ich es als Mama im Stich lassen würde. Ich habe von vielen Frauen Nachrichten erhalten, darunter viele mit Kaiserschnitt aus jeder denkbaren Konstellation. Manche haben ihren Frieden damit gemacht, andere nicht. Einige waren geplant, andere Notfälle. Aber bisher haben mir alles Mut machen können, dass die Art und Weise wie ein Kind geboren wird, der Bindung zum Kind keinen Abbruch tun muss. Das macht mir Hoffnung, aber meine Sorge bleibt, gerade weil ich mit dieser Entscheidung so sehr hadere. Ich wünsche mir für uns einen schönen Start als Familie. Und der sah ursprünglich anders aus. Ich möchte so gerne sofort nach Hause und als Familie in unseren 4 Wänden ankommen. Das geht nun nicht mehr.

Ich versuche mir zu sagen, dass das Baby sich nicht selbst in Gefahr bringt und vielleicht weiß es einfach mehr als ich. Alles was passierte, führte zu der Situation, die sie ist. Ich muss es annehmen. Ich finde die Situation maximal beschissen, um es ehrlich zu sagen, aber immerhin kann ich mich dem Kaiserschnitt auseinandersetzen und muss ihn nicht aus einer Notsituation heraus erleben. Was Leben rettet, kann dennoch wirklich schlimm für die Gefühlswelt sein.

Alles in allem hat diese Situation aber auch Positives hervorgebracht.
Ich habe dazu gelernt. Ich musste mich mit Alternativen auseinandersetzen, wie ich es sonst nicht getan hätte. Ich habe Erfahrungen gesammelt, die dazu führen, dass ich meine Entscheidungen bezüglich Betreuung und Geburt während einer weiteren Schwangerschaft anders angehen würde.

Aber vor allem hat es mich und den Freund gezwungen zu reden.
Natürlich haben wir das vorher auch, aber wir haben uns viel intensiver mit der Geburt auseinandergesetzt und der Tatsache, dass es nun jeden Tag soweit sein könnte. Ich bin klarer und deutlicher in meinen Gefühlen und Worten geworden und auch wenn es manchmal hart war zu sehen wie erschrocken der Freund über manche Äußerung war, war es so wichtig, dass er es hörte, sich ein Stück weit in mich hineinfühlen kann. Ich wünsche mir, dass unser Wochenbett entspannt läuft, aber es tat auch gut meine Ängste zu äußern, dass es anders sein könnte.

Der Freund hat sich noch mal auf einer ganz anderen Ebene mit dem Baby beschäftigt. Erst vor ein paar Tagen sagte er mir, dass er anfangs ein bisschen Sorge hatte, aber sich inzwischen einfach nur auf das Baby freut. Er redet ständig davon, wie es mit Baby sein könnte, was er alles mit dem Würmchen machen möchte. Er erstaunt mich immer wieder mit seinen Aussagen und bereitet mir Herzklopfen. Er ist schon ein Stück weiter als ich und kann die Ankunft unserer Babys kaum noch erwarten. Das macht mich sehr glücklich. Und zuversichtlich, dass wir das alles hinbekommen werden, selbst wenn ich mit dem Kaiserschnitt nicht so einfach zurechtkommen sollte. All das hat uns zusammen und ihn wachsen lassen. Ich war zum Beispiel ganz erstaunt, dass er ohne mein Zutun seinen Eltern mitteilte, dass wir ihnen natürlich Bescheid geben, wenn das Baby da ist, aber alles andere dann von uns bestimmt wird und es durchaus sein kann, dass sie nicht schon in den ersten Tagen vorbeikommen dürfen. Das zeigt mir auch noch mal wie wichtig ihm unser Ankommen zu dritt ist.

Wir nehmen nun das, was uns gegeben wird und versuchen daraus das Beste zu machen. Diesen Kaiserschnitt und die Zeit danach für uns so schön wie möglich zu gestalten.

Ich habe mir das alles anders gewünscht. Aber dieses Baby verbindet uns auf so vielen verschiedenen Ebenen miteinander und bringt uns noch näher zusammen. Es hat uns jetzt schon viel beigebracht und auch, wenn ich traurig bin, dass alles anders läuft als gewünscht, bin ich dankbar für die Schwangerschaft und dieses Wunder in meinem Bauch.

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2 Kommentare zu “Von selbstbestimmt zu fremdbestimmt

  1. Fühl dich gedrückt ❤️,
    Ich kann deine Enttäuschung, deine Zweifel und deine Ängste sehr gut nachfühlen. Es ist gut, dass du diese Gefühle nach außen trägst, auch wenn nicht alle es verstehen können. Es hilft dir, es besser akzeptieren und annehmen zu können nd das ist das wichtigste!
    Ich wünsche dir von Herzen, dass du irgendwann Frieden mit dieser Geburt schließen kannst 😘

    Übringens der Satz:
    „Hauptsache gesund.“
    treibt mich bis heute in den Wahnsinn. Er macht mich immer noch wütend, weil ich mich noch genau erinnere, wie verletzt ich war, als er von allen Seiten mir entgegen geprasselt ist, als ich wagte zu sagen, dass die Geburt traumatisch war (Not-Sectio mit voriger massiver Gewalt im Kreissaal).

    Liebe Grüße
    Mother Birth

  2. Ach du! Ich fühle mich sehr zurück versetzt in die Zeit als klar wurde, dass Zwee wegen einer Plazenta Praevia per Kaiserschnitt zur Welt kommen müsste. Die ewig kreisenden Gedanken, die Sorge, aber nicht zuletzt auch einfach Traurigkeit darüber, dass eben nicht alles wie erträumt laufen würde.

    Die Angst kann ich dir sicherlich nicht nehmen. Ein Kaiserschnitt ist kein Zuckerschlecken, ABER die OP war wirklich längst nicht so schlimm wie ich gedacht hatte. Die Schmerzen danach fand ich sehr krass, aber auch das geht vorbei. Letztendlich hatte ich bei beiden Geburten einiges zu verarbeiten – ich vermute aber, dass das jeder Frau so geht.

    Du wirst eine tolle Mama, für dein Baby wirst du die Welt sein, die Geburt ist nur der Anfang. Eure Beziehung wird nicht durch die Geburt in Stein gemeißelt, auch wenn die Geburt aus jetziger Sicht DER große Meilenstein in deinem Leben ist.

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