Liebe Uromi,

fast neun Jahre ist es nun her, dass du diese Erde verlassen hast.
Es war schon lange dein Wunsch. Wir ahnten, dass es bald soweit sein würde und doch kam es so plötzlich. Es war in Ordnung, denn du wolltest es so, aber es nahm mir dennoch den Boden unter den Füßen.

Wie konnte das sein, dass meine Uromi nicht mehr da sein sollte?
Das war so unvorstellbar. Völlig absurd.

Du fehlst mir sehr.
Wenn ich an dich denke, habe ich so viele Bilder im Kopf.

Ich erinnere mich daran, wie wir gemeinsam durch deinen großen Garten liefen, um Himbeeren und Erdbeeren zu pflücken. Wie wir Kartoffeln pflanzten. Oder wir du mich immer wieder von der blauen Regenwassertonne fernhalten musstest, damit sie nicht völlig leer gespielt wurde.

Da sind diese Filzstifte, die in der untersten Schublade des kleinen Schränkchens lagen. Das, das rechts um die Ecke in dem Zimmer zwischen Wohn- und Schlafzimmer stand. Sie riechen nach Essig und etwas, das ich nicht definieren kann. Und die Farben.
Das Rot sah aus wie der Saft von Rote Beete.

Ich erinnere mich an die Abende, an denen du auf uns aufgepasst hast.
Dann gab es oft Fischstäbchen mit Kartoffelbrei. Du hast es genauso geliebt wie ich.
Zum Nachtisch gab es oft Birnen, deren Saft über deine Hände lief. So unglaublich süß und saftig.
Oder dein einzigartiges Apfelkompott. Mmmh.

Du hast gerne gekocht und gebacken. Deine Königsberger Klopse waren das Highlight.
Niemand macht die so wie du!

Du warst sehr gläubig. Noch immer habe ich die Kinderbibel, aus der du mir vorgelesen hast.
Oder die Christkindfigur. Dein Reisemitbringsel aus Betlehem.
Wir beteten zusammen, wenn ich ins Bett ging. Oder bevor wir Mittag aßen.
Wenn du deine Hände auf meinen Kopf legtest, fühlte ich mich so sicher und beschützt.

Du gabst mir viel mit auf meinen Weg.

Jeden Tag schlafe ich auf dem Reisekissen, das du für Mama genäht hast als sie noch klein war.
Sie hat es mir geschenkt. Es ist immer dabei.
Du hast viel genäht und gestrickt. Mama hat alles aufgehoben. Zum Beispiel gestrickten Schühchen.
Hätte ich das alles doch nur bei dir gelernt.

Ich wünschte, ich wäre älter gewesen. Ich würde dich so vieles gerne fragen. Ich würde gerne mehr von deiner Vergangenheit hören. Von dir.
Ich weiß, dass dein Leben nicht immer leicht war. Aber ich habe nie gefragt warum, einfach weil ich es damals nicht verstanden habe. Es war mir nicht bewusst.
Du hast viel erlebt und hättest mir in vielen Situationen sicher einen Rat geben können.

Ich vermisse dich. In dieser Zeit noch mehr.
Heilig Abend naht.
Damals der spannendste Abend im Jahr. Und wie jedes Jahr wurde er mit dir eingeleitet.
Bevor wir aßen und es Zeit für die Bescherung war, gingen wir mit dir in den Kindergottesdienst.
Das war dir wichtig. Und für Mama und Papa die perfekte Möglichkeit für uns den Weihnachtszauber aufrecht zu erhalten.

Wann immer The Power of Love ertönt, kämpfe ich mit den Tränen, denn es erinnert mich an dich.

Ich rede manchmal mit dir. Und auch, wenn du nicht antwortest, höre ich manchmal deine Stimme, wie sie mich ruft. Ich erinnere mich genau an sie und hoffe, dass ich sie niemals vergessen werde.

Wenn ich dir ganz nah sein will, dann gehe ich an dein Grab.
Es ist weit weg und deshalb kann ich es nicht so oft besuchen, wie ich es gerne würde.
Manchmal fehlt mir auch die Kraft. Es tut immer noch weh.
Dieser kalte Stein, statt deiner Wärme. Ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen.

Bevor du starbst, wollte ich dich fragen, ob du mir ein Zeichen geben würdest, dass du im Himmel angekommen bist. Ein anderer Ort kam für dich nicht in Frage, da war ich mir sicher.
Aber ich traute mich nicht. Es kam mir taktlos vor, dabei hast du so auf die Erlösung gewartet.

Ein paar Wochen nach deinem Tod, erschienst du mir im Traum. Du sagtest mir, dass es dir gut geht und dass du deine Reise nun beendet hast. Das hat mich sehr erleichtert.
Du hast mir meinen Wunsch erfüllt, ohne dass du davon wissen konntest.

Ich habe nicht oft von dir geträumt. Ich würde es auch nicht Traum nennen, denn es ist anders. Du erscheinst. Als wäre es wirklich. Du redest mit mir. Machst mir Mut. Es tut gut dich zu sehen.

Du warst nicht alleine als du deinen letzten tiefen Atemzug nahmst.
Deine Tochter hielt deine Hand noch lange nach dem sie ihre Spannung verlor.
Meine liebe Uromi, du wurdest geliebt. Und wirst es immer noch.

Du fehlst.

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5 Kommentare zu “Liebe Uromi,

  1. ich kann dazu grad nicht viel sagen, mir stehen die tränen in den augen… sehr sehr schön, hier gehts uns genauso mit einem geliebten menschen. die schönen erinnerungen verblassen nie und das sollen sie auch nie!

  2. ich lese deinen Text und mir stehen die Tränen in den Augen… Mein Uropa hat vor 2 Wochen die Reise in den Himmel angetreten und ich kann mich mit deinem text nur zu gut identifizieren. Einen geliebten Menschen zu verlieren zieht einem den Boden unter den Füssen weg und die hinterbliebenden können nur die schönen Erinnerungen im Herzen behalten und sich diese oft in Erinnerung rufen…

    Fühl dich gedrückt…

  3. Auch mir stehen die Tränen in den Augen. Du hast das wunderschön geschrieben, wirklich. Es erinnert mich an meine Oma, nach ihrem Tod hab ich auch oft von ihr geträumt.

    Ich drück dich.

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